Ich will Euch berichten von wundersamen Begebenheiten. Nennt es einen Traum,
nennt es Phantasie, nehmt es für wahr oder auch nicht. Nehmt es, wie es Euch
beliebt: es bleibt sich am Ende gleich. Hier, unter der glutroten Mondin will
ich es Euch erzählen, während die Wellen sanft um meine nackten Füße spielen in
dieser Nacht und ich hinaussehe auf das Glitzermeer. Erzählen will ich Euch, als
geschehe es wieder in diesem Augenblick. Denn Zeit, meine Freunde: Zeit ist
Nichts! Zeit ist Illusion, so durfte ich erfahren.
Berichten will ich Euch von eigentümlichen Reisen, ohne Zeit, ohne Raum, die
niemals enden und von Antworten, die eine klare Frage suchen. Erzählen will ich,
von geheimnisvollen Wäldern und ihren besonderen Orten. Von Wölfen und
Zauberern, tief unter der Erde. Von Adlern und von uralten Völkern. Von Inseln,
tief in den dunklen Wäldern.
Von Jenen will ich erzählen, die auf Waldlichtungen um die Feuer lagern. Jene,
die sich flüsternd geheimnisvolle Geschichten zuraunen und von Jenen, die das
Einhorn begleitet und das uralte Wissen, das längst verschollen. Seid meine
Gäste für diese eine Nacht, unter der glutroten Mondin, so es Euch gefällt.
Lauscht mit mir den Wellenklängen unserer Seelen, so fremd und doch vertraut
ihre Töne klingen. Lauscht, meine Freunde, lauscht den tonlosen Tönen. Die rote
Mondin, Herrscherin dieser Nacht, lächelt dazu, als geschehe es in diesem
Augenblick.
Hört die Geschichte, meine Freunde, von einem Raben gebe ich Euch Kunde und
einer uralten, knorrigen Eiche, unter der alles beginnt.:
Die knorrige Eiche!
Kühlen Schatten spendete das Blätterdach des Waldes in der Mittagshitze dieses
Sommers. Der Bach gurgelte und funkelte aus purem Übermut Lichtfunken in seine
Augen. Vom Lichterspiel geblendet, wendete er seinen Blick hin zur kleinen
Schlucht die sich, gleich einem geschliffenen Blitzstrahl, den Waldberg hinauf
tief in die Lauberde fräste, freigespült von einem kleinen Bach, der unter dem
Waldweg hindurch seinen Weg hinunter ins weite Tal fand. Er kraxelte den
Schluchtpfad entlang, den Waldberg hoch, über festgeklemmtes Gehölz und
moosüberwuchertes Felsgeröll, das den kleinen Bach säumte, wie ein
Fingerabdruck, dem ihm die Natur im Laufe ihrer Gezeiten verliehen hatte.
Lichtstrahlen brachen durch das raschelnde Blätterdach, das ein sanfter Wind
bewegte.
Auf der Bergkuppe weitete sich die kleine Schlucht zu einer Waldlichtung hin,
bedeckt mit weichen Moosen, knackendem Gehölz und hohen Farnen. Eine alte
knorrige Eiche thronte inmitten der Lichtung, die seit Jahrhunderten ihr
weitverzweigtes Geäst in die Höhe wuchtete. Er lehnte seine Stirn an ihren
zerfurchten, knotigen Stamm, verschnaufte nach dem anstrengenden Aufstieg und
wartete, bis sich sein Atem beruhigte. Mit geschlossenen Augen setzte er sich in
die Hocke und lehnte sich mit dem Rücken an den mächtigen Stamm. Kein Laut drang
aus dem Tal herauf: Stille herrschte auf der Bergkuppe.
Er erinnerte sich. Ein Rabe führte ihn einst an diesen Ort. Seine Feder fand er
nicht weit von hier, nahe einem Fliegenpilzring. Sein Krächzen hörte er bereits
von weitem, als er die Feder aufhob, nach oben blickte und ihn kreisen sah über
dieser Eiche, bis er sich auf einem ihrer Äste niederhockte. Der Wald ruhte noch
unschuldig, feucht vom Morgentau, unberührt schien er ihm so früh am Morgen, als
noch keine stampfenden Schritte von Wanderhorden die Stille störten. Durch
Gebüsch, über Äste und Laub erreichte er die kleine Schlucht. Der Bach führte
kaum Wasser an diesem Morgen. Er kletterte den Abhang hinunter, übersprang den
Bach und stieg zum kleinen Wäldchen hinauf. Die Eiche stand im strahlendem
Sonnenlicht des Morgens. Über ihm stieß der Rabe sein lautes Gekrächz in den
Morgen hinein. Er befühlte die rauhe Rinde, strich mit dem Finger entlang der
kantigen Risse und erinnerte sich an die alten Legenden.
Sie erzählten ihm von jungen Frauen und Männern, die auf geheimnisvolle Weise in
diesem Wald verschwanden und niemals zurückkehrten. Des Nachts hörte man das
einsame Geheul eines riesigen, schwarzen Wolfes, den ein Holzfäller gesehen
haben wollte, als auf dem Heimweg von seiner Arbeit, nicht weit von ihm
entfernt, der Wolf durch das Gehölz brach und krachend im nächsten Untergehölz
verschwand. Geheimnisvoll murmelnd erzählten ihm die alten Weiber von einem
uralten Zauberer, der tief in einer Höhle dieses Berges seit Jahrhunderten
lebte, zu dem der Wolf gehöre und mit ihm gemeinsam durch den Wald streife. Auf
der Suche nach jungen Mädchen und Männern, die er den Familien für immer raube.
Der Eingang zur Höhle des Zauberers befinde sich in der Nähe eines alten
Steinbruchs. Der alte Zauberer habe den Eingang in Felsplatten verzaubert, so
daß niemand hineinfinde. Der schwarze Wolfshund sei ständig an seiner Seite und
beschütze ihn.
Des Nachts, so erzählten die alten Weiber murmelnd weiter, wandere am Waldesrand
eine junge Frau in samtbraunen Gewändern daher. Ihr kohlenschwarzes Haar leuchte
im Mondlicht wie geschliffner Onyx. Ein Bauersmann der, auf dem Heimweg durch
den Wald, ihr unversehens gegenüberstand, erzählte, sie wollte ihn zu einem
versteckten Schatz führen, der hinter einem verwunschenen Tor liege, das von
einem schwarzen Wolfshund bewacht werde. Der schwarze Wolf an ihrer Seite habe
so gefährlich mit den Zähnen gefletscht, daß der Bauersmann reißaus nahm und
schreiend nach Hause floh.
Die Erinnerung an diesen ersten Tag unter
der Eiche verblasste. Er richtete seinen Rücken an dem Eichenstamm gerade,
saugte die Waldluft tief in seine Lunge und schmunzelte über die uralte
Geschichte der alten Weiber. Er schloß die Augen. Zuerst strömte ihm der Duft
frischen Mooses, vermischt mit vermodernder Walderde in die Nase. Dann schmeckte
er den Duft der Eiche, lauschte dem Rascheln der Blätter, dem leisen Gurgeln des
Baches. Er befühlte den weichen Waldboden unter seinen Händen. Durch die rauhen
Rindenfurchen in seinem Rücken schien ein gold und silbern glänzendes
Leuchtfeuer zu fließen, das seinen Rücken wärmte. Nach und nach ergoß sich die
Wärme in seinen Körper, wie in einen leeren Kelch. Eine unglaubliche Kraft
durchströmte pulsierend seine Adern. Witternd hob er seine Nase in den Wind und
stieß sich vom Eichenstamm kräftig ab.
Tief über den Waldboden gebeugt flog er dahin. An seiner rechten Seite sauste
der kleine Bach vorbei, den er mit Leichtigkeit übersprang, um im
nächstgelegenen Dickichtgehölz zu verschwinden. Krachend preschte er wieder aus
ihm hervor. Weiter den Blick auf den Waldboden gerichtet, schnellte er zwischen
engstehenden Baumstämmen dahin. Rasch erreichte er den Rücken des Waldberges.
Kurz blieb er stehen und witterte, orientierte sich an der Waldfährte, drehte
seinen Kopf in alle Richtungen, beschnupperte die Erde und stieß sich voran. Auf
der anderen Seite der Bergkuppe leuchtete ein kleiner Steinbruch hell auf.
Zielstrebig lief er darauf zu. Vor der Felswand setzte er sich in die Hocke und
trank begierig aus einer bereitgestellten Wasserschüssel. Ein alter Mann saß auf
einer weißen Marmorbank, den Rücken an die Felswand gelehnt. In seiner rechten
Hand hielt er einen leuchtenden Hirtenstab, knorrig, knotig und zerfurcht.
„Ich habe dich bereits erwartet!“ sprach der Alte ruhig, und seine Augen
strahlten ihn an. „Komm, beginnen wir.“ Der Alte erhob sich von seiner Bank und
berührte mit seinem Stab die leuchtende Wand. Stein auf Stein mahlend öffnete
sich eine kleine Einstiegslucke an ihrem Fuße. Eine Sandsteintreppe führte in
die Tiefe, beleuchtet von lodernden Wandfackeln. Schweigsam stiegen sie, der
Alte voran, in die finstere Tiefe hinab. Am Fuße der Treppe streckte sich eine
weite Höhle endlos in die Dunkelheit . Nur spärlich beschien das Licht der
Fackeln die schier unendliche Weite der Halle. In der Mitte der Höhle erreichten
sie einen Sandsteinaltar. Der Alte steckte seinen Stab in eine Halterung, an der
Seite des Altars, drehte ihn einmal gegen den Uhrzeigersinn um seine eigene
Achse: mit einem kurzen Ruck rastete der Stab ein. Durch die Wände erstrahlte
ein weiches, rostrotes Dämmerlicht und erhellte die Höhle in ihren weiten
Ausmaßen. Er sah ein blaues Marmormuster im Fels, durchwirkt mit goldenen Fäden.
Der Alte winkte ihm zu, an den Altar zu treten. In der Mitte der Steinplatte
eingelassen sah er ein kreisrundes Becken, bis an den Rand mit türkisfarbenem
Wasser gefüllt.
Der Alte lächelte: „Türkis! Der Stein des alten Volkes, das seit Jahrtausenden
über die alten Wege zieht, nur ihren Führern bekannt.“
Der Alte benetzte Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand mit dem Türkiswasser.
Vorsichtig berührte er ihn an der Stirn: "Dein Name ist Walrabe."
Noch einmal tauchte er seine rechte Hand bis zur Handwurzel in das Becken. Mit
einem leuchtenden Schmuckstück kam sie wieder an die Oberfläche. Die
Wasserfläche hatte sich nicht bewegt. „Trage ihn ständig bei dir. Daran werden
sie dich erkennen.“
„Wer?“ fragte er erstaunt und legte sich das Schmuckstück um den Hals.
„Das wirst du bald erfahren.“ murmelte der Alte. „Wenn du die alten Führer
triffst.“
Eine silberne Kette, mit einem Fünfstern der einen flach geschliffenen
Lapislazuli in seiner Mitte barg, hing an seiner Brust.
„Was ist das?“
Der Alte winkte ihn näher an das Wasserbecken heran. „Es wird dich schützen und
kräftigen auf deinen Reisen!“
Er hob die geschlossene Faust über das Becken, öffnete sie mit einer schnellen
Bewegung und ein Lapislazuli, golddurchwirkt, plumpste ins türkisfarbene Wasser.
Die Wellen schwappten augenblicklich kreisförmig über den Rand des Beckens
hinweg.
„Konzentriere dich auf die Mitte.“ sagte der Alte. "Alles liegt in dir.“ Der
Alte legte ihm seine Hand auf die Schulter. „Erinnere dich. Der Schlüssel ist
das Erinnern.“
„Welcher Schlüssel?“ frage er leise.
„Der Schlüssel zu Dir selbst. Sieh!“
Die konzentrischen Ringe des Wasserbeckens verstärkten sich und gaben ein
verschwommenes Bild frei.
„Erinnere dich an das, was du vergessen hast.“ sagte der Alte. „Erinnere dich an
das Alte Wissen.“
„Werde ich es erkennen?“ fragte er ratlos.
„Wer weiß, wann die Zeit reif ist?!“ antwortete der Alte gelassen.
„Woran erkenne ich die Reife der Zeit?“ fragte er nachdenklich und sah ihm in
die Augen.
„Dein Herz wird dir sagen, wann die Zeit reif ist für das Erkennen.“ lächelte
der Alte zurück.„Überlasse dich den Winden. Vertraue ihnen. Die Winde werden es
dich lehren.“
„Winde sind oft launisch und unberechenbar.“ gab er zu bedenken.
„ Sie gehorchen nur den Gesetzen der Natur.“ sagte er liebevoll und seine Worte
wärmten ihn. „Öffne dein Herz den Winden. Erinnere dich!“
Der Alte legte sanft die Hand auf seine Schulter und führte ihn nahe an das
Becken. Er zögerte.
„Keine Angst. Es geschieht dir nichts. Erinnere dich und vertraue.“ lächelte er
ihm zu. „Der Schlüssel und sein Schloß, der das Herz für die Winde öffnet.“
Seine Hand wischte kurz über das Wasser. „Sieh nur hinein. Vertraue und sieh mit
deinen eigenen Augen.“
Die Wasserringe glätteten sich zu einer Spiegelfläche: das verschwommene Bild
wurde klar und deutlich.
Rehbraune Augen funkelten ihm aus dem Wasserbecken entgegen, weich, scheu und
voller Wärme. Schwarze Haare, das schwärzeste Schwarz, das er je erblickt hatte,
rahmten ein junges Frauengesicht ein. Schwarz, wie die Kohle, die über
Jahrtausende nicht der kleinste Lichtstrahl erreichte, hüftlang und glänzend,
als hätte ein besonderer Engel persönlich Onyx aufgetragen und den restlichen
Geistern befohlen, ordentlich nachzupolieren.
„Das ist unsere Tochter.“ sprach der Alte.
Walrabe sah sich selbst an der Eiche lehnen. Über ihm zog ein Rabenpärchen seine
Kreise. Neben ihm stand eine junge Frau an den Eichenstamm gelehnt und
streichelte liebevoll über die Rindenfurchen und Risse. Hinter der Eiche flossen
Lichtbäche aus einem Dickichttunnel.
„Das Tor!“ sagte der Alte.
„Das Tor wohin?“ fragte er erstaunt.
„Unsere Tochter wird dich führen.“ schmunzelte der Alte.
Das Wasserbecken ruhte wieder still vor seinen Augen. Er blickte zu dem Alten.
Seine strahlenden Augen reichten bis auf den Grund seiner Seele.
„Noch Fragen?“ lächelte er.
Walrabe schüttelte den Kopf.
Lächelnd begleitete er ihn aus der Felsenhöhle heraus. „Bald wirst du deine
letzte Antwort bekommen.“ nickte er ihm aufmunternd zu. „Jederzeit kannst du
zurückkehren. Ich werde da sein!“
Witternd hob er seine Nase in die Luft und flog über den Waldboden dahin. An der
Eiche legte er sich auf das weiche Moos. Um ihn herum tanzte ein Kreis junger
Frauen. Sie sangen ein uraltes Lied. Mit geschlossenen Augen ruhte er auf dem
Boden, bekleidet mit einer Hirschfellhose. Sein Körper glänzte von einmassierten
Ölen und betörenden Kräutern. Weihrauchgeruch stieg ihm in die Nase und die
Düfte anderer Kräutermischungen erfüllten die Luft. Große Feuer brannten in
einigem Abstand. Jemand sprach ihn an.
Er richtete sich auf. Vor ihm stand eine junge Frau. Ihr Haar war schwärzester
Onyx. Ihre Augen glänzten wie Jaspis. Nicht älter als einundzwanzig Jahre mochte
sie sein. Ihre Haut war weißes Elfenbein. Sie lachte ihn offen an und ihr Blick
berührte seine Seele.
„Ich bin Gwynevre.“ lächelte sie."Die Zauberwaldfee!"
Oft, Meine Freunde, kehrte ich zurück an jenen Höhlenort, an seine Ruhe, seine
Kraft und das Lächeln des Alten. Dort lauschte ich wieder und wieder den Bildern
der Türkiswellen, wärmte mich an den Worten des Alten, die mein Herz
beleuchteten, ohne zu tadeln, ohne belehren zu wollen. Worte die mich an die
Hand nahmen, ohne mich führen zu wollen und mich an die Strände meiner Seele
setzten. Den Blick mir öffnend für Unendlichkeiten, die das Universum bevölkern.
Hier, am Meer unter der glühenden Mondin, an diesem gesegneten Ort, will ich
Euch weiter berichten. Die Mondin sei meine Zeugin, daß ich erzähle und Euch
Kunde bringe vom Geheimnis des Tores und von seinen Begebenheiten. Lauscht dem
Meer in dieser Nacht, in der uns die Mondin ein Fenster öffnet, hier am Strand,
für diese eine Nacht, auf daß wir verstehen lernen, ohne einen Gedanken zu
verschwenden, ehe das Fenster sich wieder verschließt.
Seht mit mir hinaus auf das glitzernde Wellenmeer und versteht, ohne verstehen
zu wollen. Der Meeresatem weht unsere Gedanken fort, weit hinaus zu unbekannten
Inseln, von denen sie im Morgengrauen wiederkehren, ein wenig verändert,
unbeschwerter vielleicht, ohne Ballast des Wissens um des Wissens willen.
Lauscht, meine Freunde, lauscht den tonlosen Tönen und die glutrote Mondin
lächelt dazu:
Unternehmungslustig blitzte es ihm aus Gwynevres Augen entgegen. Gekleidet in
ein erdbraunes Samtkleid, das weich auf dem Moosteppich ausfloß, raschelte es in
einer ihrer Rocktaschen. Zuerst sah er nur zwei spitze Ohren. Ein kleines
Köpfchen schob sich nach und nach heraus und musterte ihn vorsichtig mit großen
Telleraugen. Heraus krabbelte eine Fledermaus, zappelte sich frei, streckte und
reckte die Flügel und hockte sich auf Gwynevres linke Schulter. "Den willst du
mitnehmen?!" grinste sie frech. "Das ist doch nicht dein Ernst!"
"Warum nicht?" schmunzelte Gwynevre. "Der alte Hüter des Waldes hat ihn
geschickt!"
"Na dann..." gähnte die Fledermaus, die soeben ihren Tagesschlaf beendete und
noch halb vor sich hindöste. "Wie du meinst. Hat er überhaupt schon einen
Namen?! Ohne einen eigenen Namen kommt der nie durch das Tor!"
"Walrabe ist sein Name." sagte Gwynevre.
"Hmpf" sagte die Fledermaus. "Das soll ein Name sein?"
"Du heißt ja auch Fledermaus!"
"Ha! Das nenne ich auch einen Namen. Der will hart verdient sein! Anmut und
Würde atmet dieser Name. In jeder Steinzeithöhle kennt man mich. Höhle tief oder
flach, hell oder dunkel, überflutet oder nicht!"
"Lass dich von ihrem besonderen Humor nicht erschrecken!" schmunzelte Gwynevre.
"Sie braucht ihre Zeit, bis sie sich an einen neuen Bewohner gewöhnt."
"Pah, was du nicht sagst!" verzog die Fledermaus ihre Mundwinkel zu einem
leichten Schmollen.
"Was heißt hier: PAH?" sagte Gwynevre, Nase an Schnauze mit der Fledermaus. "Sieh's
doch mal so: einen Raben haben wir im Zauberwald noch nicht!"
"Egal." brummelte die Fledermaus. "Mach was du willst. Von mir aus könnt ihr
euch beide mit den Füßen kopfüber an eine Laterne hängen!"
Alle drei mussten bei dieser Vorstellung lauthals lachen. Die Fledermaus lachte
so heftig, daß sie von Gwynevres linker Schulter rutschte und zum Schluss
atemlos, mit dem Kopf nach unten, an ihrer Achselhöhle hing.
"Sie lacht gerne und oft." grinste Gwynevre. "Manchmal erzählt sie sich selbst
einen Witz, nur um zu lachen."
Gwynevre nahm ihn lächelnd an die Hand und führte ihn um die Eiche herum. Ein
funkelndes Licht durchglitzerte ein Weinlaubtor, direkt hinter der Eiche. Jedes
Blatt umrieselten regenbogenfarbene Kristallichter. Er stockte ein wenig und
staunte über diese funkelnde Pracht. „Na komm schon!“ schmunzelte sie und zog
ihn weiter.
Sie traten ein. Vor ihnen dehnte sich ein funkelnder Blättertunnel in die Länge.
Ahornblätter wechselten ab mit riesigen Tannenzapfen. Dazwischen entdeckte er
wilde Rosenhecken und ausladende Fichtenzweige. Unter seinen Füßen strahlte ein
grüner Moosteppich, saftig und weich. Weiter hinten entdeckte er einen
Fliegenpilzring. Neben dem Ring saß ein hagerer, asketisch wirkender Jüngling im
Lotussitz, die Augen geschlossen, tief versunken in sich selbst. Leise näherten
sie sich. In eine weiße Kutte gekleidet schien er in seiner tiefen Versenkung
dem Nichts zu lauschen. "Das ist Ganesha." flüsterte die Zauberwaldfee. "Stören
wir ihn nicht in seiner Meditation."
Ihre Schritte dämpfte das weiche Moos. Vor ihnen schimmerte und leuchtete wie
aus dem Nichts ein strahlender Fünfstern auf. In seiner Mitte schillerte
dunkelblau ein großer Lapislazuli. Er fasste an seine Brust und spürte die
silberne Kette des Alten mit dem Fünfstern in seiner Hand. Der flach
geschliffene Lapislazuli darin leuchtete golddurchwirkt.
Vor dem Zauberwaldtor stand ein zierliches Lichtwesen, schlank wie eine Gazelle.
"Ich bin die Lichtelfe." begrüßte es Walrabe und küsste ihn zärtlich auf die
Stirn. "Mein Zauber geleitet die Menschenwesen durch das Tor!" Sie hob einen
leuchtenden Elfenstab über ihn, aus dessen Ende sich fein stäubende
Sternenfunken ausgossen. Dreimal segnete die Elfe seinen Weg und schüttete
Sternenfunkeln über sein Haupt. Die Lichtelfe nickte zufrieden.
Gwynevre lächelte ihm zu und faßte sanft seine Hand. Gemeinsam schritten sie
durch das Tor:
© 2004-2099 Renè H. Trojan (Walrabe)
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